Montag, 18. September 2000
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NZZ Tagesausgabe

Neue Zürcher Zeitung OLYMPISCHE SOMMERSPIELE Montag, 18.09.2000 Nr.217   61 / B5

Ein «Torpedino» von Schweizer Machart

Der Rheintaler Remo Lütolf mitten in der Weltelite der Brustschwimmer

kla. Der erste Wettkampftag im Aquatic Center war nicht nur für den australischen Schwimmsport dank Ian Thorpe und der Staffel sehr speziell - auch für den Schweizer Sport, auch für das neunköpfige Schwimmteam. Der Exploit des Rheintalers Remo Lütolf, der sich für den Final der acht weltbesten Brustschwimmer qualifizierte, während Favoriten wie Europameister Warnecke, Guttler, Wouda und andere auf den Tribünen Platz nehmen mussten, ist nicht hoch genug einzustufen. Der Effort hat trotz erfreulichen Resultatmeldungen in den letzten Monaten Seltenheitswert und steht stellvertretend für langjährige, zielgerichtete Aufbauarbeit und trotz vielen Tiefschlägen optimistisch vorangetriebene Anstrengungen einer jungen, neuen Trainergeneration und von deren Exponenten. Auch wenn letztlich keine Medaille, sondern der letzte Finalplatz resultierte, darf Lütolfs Leistung in diesem hochklassigen Feld mit rund 22 fast gleichwertigen Schwimmern durchaus mit dem Bronzemedaillengewinn von Etienne Dagon 1984 in Los Angeles verglichen werden - damals in Abwesenheit der aus politischen Gründen verbannten Konkurrenten aus dem damaligen Ostblock.

Seit nunmehr zehn Monaten, nach Abschluss der Mittelschule, zählt sich Lütolf zu den Schwimm-Professionals, falls es auf dem Sportplatz Schweiz überhaupt eine Berechtigung für diese Bezeichnung gibt. Tag für Tag rackerte er sich im Becken ab, sei es in Wallisellen oder in Uster. Zehnmal pro Woche, insgesamt 45 bis 55 km allein in einer langweilig gleichmässigen Wasserbahn. Dazu arbeitete er im Kraftraum mit Gewichten und Seilen. Sein Lohn beschränkte sich bisher auf 2000 Franken in diesem Jahr aus einem Meeting in Monte Carlo. Dabei steht in seinem Palmarès schon heute: Junioren-Europameister 1993, EM-Dritter in Helsinki und nun Olympia-Finalist vor grossem Publikum in Sydney. Doch Lütolf hofft erst 2004 in Athen auf den grossen Zahltag, obwohl er bis dann wenigstens sein Jus-Studium in Zürich mit seinem Hobby - dank einem weiteren grosszügigen Sponsor ausser seinen Eltern? - mitfinanzieren will. Dann soll sein ungemein hohes Potenzial, seine in der Weltelite der Brustschwimmer heute unerreichte Grundschnelligkeit, noch effizienter umgesetzt sein. Denn das Quentchen Differenz von Rang 8 bis zur Medaille war im Final letztlich nur im fehlenden Stehvermögen auf den letzten 15 Metern und in Lütolfs Schwäche beim Tauchzug nach der Wende zu eruieren. Denn immerhin lag er nach halber Distanz noch an zweiter Stelle. Beim Richtungswechsel verliert er wegen seines engen Beinschlags allerdings regelmässig zu viel Zeit - bis zu 0,3 Sekunden.

Auch in Homebush Bay ging im Final Lütolfs Kamikaze-Taktik, möglichst schnell und lange ein hohes Tempo anzuschlagen, die ersten 50 m in wenig mehr als 28 Sekunden zurückzulegen, aus obgenannten Gründen nur bedingt auf. Dabei konnte er am Samstag als 16. von Glück reden, überhaupt die Startberechtigung für die Halbfinals erlangt zu haben, nachdem ihn Schmerzen in den Unterarmen und das «fehlende Wassergefühl» sichtlich benachteiligt hatten. Schon zu diesem Zeitpunkt war dem 188 cm grossen «Wassermann» bewusst, dass er für eine Finalqualifikation seinen eigenen Rekord deutlich verbessern musste. Der Vorsatz wurde beim zweiten Start in 1:01,81, für Schweizer Verhältnisse schon fast eine Fabelzeit, und Platz 8 hervorragend in die Tat umgesetzt, zumal in seiner starken Halbfinalserie höher eingestufte Gegner ausschieden.

Lütolf, bis heute für die noch nicht olympische Kurzstrecke prädestiniert, gilt nicht erst seit diesem Erfolg als typischer Wettkampftyp, mental ungemein stark, qualitätsbewusst auch im Training mit seinem Vorbild Gerard Moerland, der vor drei Jahren Lütolfs übertriebenen Drang nach persönlicher Lebensfreiheit etwas eingedämmt und dafür die grossen sportlichen Perspektiven vor Augen geführt hatte. Moerland, der seinen Vertrag im Schwimmklub Uster vor kurzem um vier Jahre verlängerte und damit Lütolfs Karriereplanung entscheidend beeinflusste, ist überzeugt, dass sein Sprössling in absehbarer Zeit noch höhere Stufen erreichen kann. «Es war für mich das bisher eindrücklichste und zugleich für die Zukunft lehrreichste Rennen, in dem ich auf den letzten Metern mangels Kraft nicht einmal mehr die Arme zurücknehmen konnte», sagte Lütolf nach der «Konfrontation mit der Realität». Es gibt keinen Grund, an diesen Worten zu zweifeln.