Montag, 18. September 2000
Tagesausgabe | Monatsarchiv | Suchen in Tagesausgabe | Suchen im Monatsarchiv
 

PDF-Version | Postscript-Version | RTF-Version

NZZ Tagesausgabe

Neue Zürcher Zeitung OLYMPISCHE SOMMERSPIELE Montag, 18.09.2000 Nr.217   61 / B5

Zusatzinformation: Textkasten: roundupschwimmen

Ein Fisch namens Ian

Der Schwimmer Ian Thorpe widersteht dem hohen Erwartungsdruck und degradiert die Gegner zu Statisten

Als Ian Thorpe am Samstagabend vor dem 400-m-Final angekündigt wurde, war er einfach der Favorit auf Bahn 4, Weltrekordhalter und Weltmeister, obwohl in diesem Moment Tausende von Blitzlichtern die dichten Ränge ausleuchteten, Millionen von Australiern nasse Hände hatten, die Erwartungshaltung eines ganzen Landes zum Greifen spürbar war. Vor Thorpe, der diese Spannung zu ignorieren schien, lagen aber noch 400 lange Meter bis dorthin, wo ihn alle schon vor dem Start gesehen hatten: zum Olympia-Champion. Und nicht nur dieser erste Auftritt des 17-Jährigen im Aquatic Center bewies eindrücklich, dass das Gold für ihn auch in den nächsten Tagen trotz dem sonntäglichen Warnschuss von Pieter van den Hoogenband abholbereit vorzuliegen scheint. 17 500 enthusiastisch mitgehende Zuschauer begleiteten den Sydneysider zum ersten von fünf angepeilten Siegen und wurden nur eine knappe Stunde später, nach einer emotionsreichen Siegerehrung, im begeisternden Staffel-Finish ein zweites Mal Zeuge dieses neuen Sport-Phänomens. Erneut wurde die ebenso fassungs- wie chancenlose Konkurrenz in Statistenrollen degradiert. Im Tanz der Besten blieb schliesslich nur noch der Vortänzer auf dem Parkett stehen. Und dessen Rhythmus stimmt gegenwärtig zu allen Klängen perfekt.

Ian Thorpe wurde schon vor den Spielen zum Star hochstilisiert, in einer Sportart notabene, die in diesem Land mit grossem Abstand die Nummer 1 ist. Aber er wird diesem Ruf mit seinen Auftritten im und neben dem Becken trotz seinem jungen Alter auch durchaus gerecht. Entsprechend gross ist die Euphorie der Australier über den «Wunderknaben, Super-Fisch, Big Foot oder Thorpedo». Thorpe ist allgegenwärtig - auf Plakaten, T-Shirts, Bildschirmen, Magazinen, in Tageszeitungen wie in den Herzen mancher Möchtegern-Schwiegermütter - und nun auch in der Olympia-Chronik. Er ist Vorbild für das junge Australien. Dennoch wirkt der Teenager in diesem Rummel gelassen, spricht fliessend und selbstsicher in die Mikrophone vor den Kameras. Mental wie physisch scheint er seinen Alterskollegen um fast ein Dezennium voraus. Dabei hat er noch nicht einmal das Recht, ein Auto zu steuern.

Dafür hat er noch genügend Zeit. Gegenwärtig steuert er durchs Wasser, als gäbe es physikalisch gar keinen Widerstand. Mit 195 cm ist er 20 cm grösser als der durchschnittliche Alterskollege. Thorpe wiegt 100 Kilogramm, notabene mit einem Fettanteil von lediglich 7 Prozent. Als Vergleich: Ein «normaler» 17-Jähriger wiegt etwa 62 Kilogramm, bei einem Fettanteil von 15 Prozent. Seine Arme können es mit den Flügeln eines Albatros aufnehmen, Hände und Füsse (Schuhnummer 51) wirken wie bei einer Comic-Figur. Ein Phänomen - oder gar das Ergebnis von Wachstumshormonen? Lassen wir im Sinne des olympischen Friedens solche Spekulationen. Gemäss Schulkollegen sei er ausserhalb des Wassers im Turnunterricht träge und im Fussball schlicht nicht zu gebrauchen. Thorpe wird mit Sicherheit auch nie in der AC Milan spielen; er verdient (sehr) viel Geld auch auf diesem Kontinent. Auf weit über eine Million Dollar wurden seine Einkünfte von den bisher neun Werbepartnern vor Olympia eingeschätzt - und Thorpes Marktwert ist im Steigen.

Was macht aber diese Ausnahmeerscheinung, die mit 15 Jahren 1998 in Perth jüngster Weltmeister der Schwimmgeschichte geworden war und inzwischen bereits elf Weltrekorde verbessert hat, so schnell? 3,1 m katapultiert ihn ein Armzug im Crawl nach vorn, nach 16 statt normalerweise 20 Zügen hat er bereits 50 m zurückgelegt. Dabei beschleunigt er mit einer unheimlichen Kadenz seiner Beinschläge auf eine Art, dass seine Gegner auf den Nebenbahnen sich «wie in einer Waschmaschine» vorkommen. Doch Thorpe profitiert nicht nur von seinen physischen Voraussetzungen, er arbeitet gemäss den Worten seines Trainers Doug Frost ungemein hart für seine Ziele. «Ich möchte nie erkennen, zu wenig dafür getan zu haben», sagte Thorpe im Vorfeld dieser Spiele und wurde nach diesen Worten zum australischen Symbol des unermüdlich, aufopfernd kämpfenden Athleten.

Nicht nur im Sport. Denn es gibt noch andere Seiten des Jungstars, der auf dem fünften Kontinent auch die älteren Generationen in den Bann zieht. Leute, die sich nostalgisch an die Glanzzeiten des australischen Schwimmsports erinnern, an Dawn Fraser, John Konrads, Murray Rose, Duncan Armstrong. Thorpe kann auch das Gesicht des schüchternen, melancholischen, introvertierten Ausnahmeathleten zeigen - oder des verantwortungsbewussten: Die erste Prämie von 20 000 Franken für einen Weltrekord hat er einer Krebsforschung für Kinder gespendet. Sein Schwager Michael kämpft seit dem elften Altersjahr gegen diese Krankheit - für Thorpe eine Aufgabe, ja Verpflichtung, nach Kräften zu helfen. «Wenn ich im Training fast mitten in der Nacht an meine Leistungsgrenzen gehe und meine Glieder schmerzen, denke ich an Michael, dessen Schmerz und Leid weit unerträglicher sind.»

Claudio Klages