Die Leichtathletin Cathy Freeman darf sich glücklich schätzen. Und das, obwohl sie an diesen Spielen möglicherweise nichts gewinnen wird.
Ob der Schwimmer Ian Thorpe, der immerhin bereits dreimal Gold und einmal Silber gewonnen hat, mit sich und der Welt rundum zufrieden ist? Die Antwort dazu später.
Olympia ist ein kleines Städtchen auf dem griechischen Peloponnes, Olympia ist eine Sportveranstaltung. Und Olympia ist, nicht zu vergessen , eine Modeschau mit zahlreichen Höhepunkten, aber auch irritierenden Unklarheiten auf dem Laufsteg.
Einer der grossen Momente steht kurz bevor: Am Freitag soll ein sehr grosses Geheimnis gelüftet werden: Mit welchem Design hat der Kleidersponsor Nike die Schuhe seines Topathleten Michael Johnson ausgestattet?
Bereits vor vier Jahren hatte Johnsons Goldschuh in Atlanta für atemberaubendes Aufsehen gesorgt und es sogleich auf die Titelseite des Time Magazine gebracht. Gemäss Ken Black, Nike- Direktor in der olympischen Kreativabteilung, soll das Nachfolgemodell die Atlanta-Version «wie ein paar ausgelatschte Wanderschuhe» aussehen lassen. Inzwischen sind über Agenturen Bilder von Michael Johnson mit einem Schuh in Umlauf gebracht worden. Ob es sich dabei um die neue Wundersohle handelt, konnte oder wollte seitens des Herstellers noch niemand sagen.
Wir werden sehen. Dezente Platinstreifen können kaum des Design-Rätsels ganze Lösung sein; denn Streifen sind Sache des schärfsten Nike- Rivalen Adidas. Viele andere spielen im Kampf der Branche um der Könige neue Kleider noch mit, aber bestenfalls als zweite Geige. Adidas und Nike dirigieren den Weltmarkt, wobei Letzterer in diesem Jahr auch in Europa erstmals die Führung übernommen hat. So einfach funktioniert das Leben im Sportartikel-Marketing eben nicht, schon gar nicht an Olympia. Zwar ist es der Marke mit dem Swoosh vor Sydney als erster gelungen, das Gastgeberteam und gleich auch noch die Vertreter des Organisators (Socog) ausrüsten zu dürfen. Aber gleich alles gewonnen hat der australische Schneider damit noch lange nicht. Denn die Spielregeln sind so kompliziert, dass sie keiner exakt zu erklären vermag. Der Hinweis des Berners Peter Bratschi, Nike-Direktor Italien, die Verträge mit den Athleten umfassten 40 bis 50 Seiten, zeigt, wie verzwickt es im Bereich der Kleiderschränke an Olympia zu und her geht.
Im Prinzip gibt es drei zu beachtende Hauptebenen für Olympia-Ausrüster: Nationale Olympische Komitees, Sportverbände und Athleten. Damit selbstverständlich nicht genug. Sonderregelungen in Ausnahmeklauseln sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Ausser im Code of conduct, mit welchem das Internationale Olympische Komitee (IOK) in Artikel 45 seines Regulativs auch das Verhalten der Sportartikelbranche regelt. Dabei geht es unter anderem um das sogenannte Ambush-Marketing. In Atlanta hatten sich einige Weltkonzerne zum Ärger der offiziellen IOK- Sponsoren direkt neben dem Olympiagelände placiert und - wie Nike in Form eines Vergnügungsparks - damit sozusagen gratis für ihre Sache geworben. Inzwischen ist klar geregelt, wer, wann, wo und wie auftreten kann.
Zurück zum Teilsieg des australischen Olympiasponsors. Die Rolle als Ausrüster des Gastgeberteams bedeutet noch lange nicht, dass dessen Athleten Kleider gleicher Marke tragen.
Nehmen wir Ian Thorpe. Der muss jedes Mal, wenn er vor dem Schrank steht, überlegen, was er jetzt anzuziehen hat. Denn neben Australiens Olympiasponsor gibt es auch noch den Ausrüster des australischen Schwimmverbands (Speedo) und Thorpes persönlichen Sponsor (Adidas). Normalerweise müsste Thorpe beim Einlaufen in die Schwimmhalle Nike-Sachen tragen, würde indessen mit einer Speedo-Hose schwimmen. Aber weil Thorpes Spezialanzug nicht als Bekleidung, sondern wegen seiner Hightech-Qualität als Equipment gilt, sieht es ein bisschen anders und vor allem schlecht für Speedo aus. Thorpe schwimmt nämlich Adidas. Aber auch das nicht ganz: Er darf das Massdress zwar tragen, aber ohne Logo, weil der australische Schwimmverband die andere erwähnte Marke als Partner hat. Und gewinnt Thorpe eine Medaille, kommt es vor, dass er seine Delegationsausrüstung aus Rücksicht auf den persönlichen Sponsor mit der Landesfahne abdeckt. Alles klar?
Es gibt zugegebenermassen, wenn auch immer seltener, auch einfachere Fälle. Zu denen gehört Cathy Freeman. Sie kann im Gegensatz zu Thorpe völlig verschlafen einfach das Nächstbeste aus der Schublade ziehen. Denn ihr persönlicher Sponsor ist sozusagen zufälligerweise der gleiche wie jener des australischen Leichtathletikverbands und des NOK.
Doch üblich ist, dass sich die Ausrüster überall in die Quere kommen. Auch bei Maurice Greene, Marion Jones und Michael Johnson ist das der Fall. Nike sponsert sie zwar persönlich und ist gleichzeitig Ausrüster des amerikanischen Leichtathletikverbands. Aber die Olympia-Delegation der USA steht bei Adidas unter Vertrag. Ausgerechnet beim wichtigsten Anlass in vier Jahren kann der persönliche Sponsor der Athleten also nur reduzierten Nutzen ziehen. «Damit muss man leben», sagt Peter Bratschi, «und deshalb bleibt der Schuh nach wie vor das interessanteste Produkt.» Schuhe gelten nicht als Bekleidung, sondern als persönliche Ausrüstungsgegenstände der Athleten und sind deshalb frei wählbar. An den Schuhen erkenne man die persönlichen Ausrüster auf den ersten Blick, sagt Bratschi. Ausser natürlich bei Ian Thorpe. Der bestreitet seine Wettkämpfe bekanntlich barfuss.
Ob man das Sponsoring eher direkt über Athleten (wie Nike) oder vermehrt über Verbände (Adidas) betreibt, ändert im Endeffekt wenig. Die beiden Grössten bleiben unantastbar, und die andern müssen sich die Resten teilen. So oder so: Athleten, Verbände, die NOKs und Ausrüster werden froh sein, wenn Olympia vorbei ist. Dann nämlich wird es vier Jahre lang wieder viel einfacher im Kleiderschrank.
Christian Dick