Neue Zürcher Zeitung Samstag, 2. Dezember 2000

Adolf Ogi geht - man kann sich weiter auf die Schulter klopfen

Beschäftigt sich der Bundesrat inskünftig wieder nur in Kaffeepausen mit dem Spitzensport?

Von Walter Lutz*

Adolf Ogi war der erste wirkliche, aber nicht ausschliessliche Sportminister der Schweiz. Sie ist zu klein, um ein selbständiges Ministerium für Sport zu unterhalten. Mit Kompetenz und seinem Feu sacré hat er innert nur dreier Jahre für den Sport mehr tun und erreichen können als alle seine Vorgänger in den letzten 20 oder noch mehr Jahren zusammen. Seit dem 1. Januar 1998 figuriert die Bezeichnung Sport erstmals im Nameneines Departements (Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport; früher Eidg. Militärdepartement). Die Benennung wertet den Sport auf. Sieist auch eine Willensäusserung und Geste des Gesamtbundesrates. Am Ende eines Jahrhunderts, das auch das Jahrhundert des Sports genannt wird, sollte der Departementstitel die soziale und gesellschaftliche Bedeutung und Kraft des Sports zum Ausdruck bringen. Ein Jahr später - 1999 - wird die Sportschule Magglingen auch de iure zum Bundesamt für Sport. Und noch im Dezember dieses Jahres will der Bundesrat über ein vonihm selber auf Drängen von Ogi in Auftrag gegebenes neues Sportkonzept beschliessen. Erstmals arbeiteten Fachleute aus Sport, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Armee gemeinsam an einem solchen Projekt.

Auf den 1. Januar 1998 kehrte der Sport also - nicht als «Lex Ogi» und auch nicht im Sinne einer «Kompensation» für Ogi - nach 14 Jahren beim Departement des Innern (EDI) dorthin zurück, wo er zuvor schon während 109 Jahren untergebracht gewesen war. Als das Parlament im Herbst 1982 den Departementswechsel auf den 1. 1. 1984 beschloss, sprach der damalige EMD- Chef Georges-André Chevallaz im kleinen Kreis erzürnt von einem «Fehlentscheid des Jahrhunderts». Bis zur Gründung der Eidg. Turn- undSportschule Magglingen (1944), wie sie zuerst genannt wurde, war die Eidg. Turnkommission,schon 1874 ins Leben gerufen, das einzige Instrument des Bundes für Turnen und Sport. Die ETK, die heute ESK heisst, setzte sich fast ein halbes Jahrhundert lang praktisch nur aus Obersten, Turnpädagogen, Erziehern, Ärzten und vorallem aus Turnern zusammen. Weil die Sportbewegung erst in den zwanziger Jahren erwachte,hatten diese damals auf dem Gebiete der Leibeserziehung und des Vorunterrichtes das Sagen und galten allein als kompetent.

Briefkasten im Bundeshaus

Aber bis in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts hatte der Sport im Bundeshaus nur gerade einen Briefkasten. Zwar schickten schon damals, wie etwa 1924, als die Schweizer Fussballer am Olympia-Turnier in Paris Europameister wurden, oder wie 1938, als sie Grossdeutschland an der Weltmeisterschaft besiegten, Bundesräte etwa schwulstige Telegramme an erfolgreiche Schweizer Sportler im Ausland. Sie priesen den Sport gelegentlich auch in schönen Reden oder besuchtenab den dreissiger Jahren, animiert von ihren Söhnen, den Cup-Final in Bern, an dem sie nicht ohne Stolz dem Captain des Siegers den Pokal überreichen durften.

Typisch für das frühere Sportdenken und den damaligen Stellenwert des Sportes im Bundeshaus ist, dass bis 1936 nur gerade 4 Verbände, bis 1960 nur 11 und bis 1970 (vor der Annahme des Verfassungsartikels) nur gerade 16 Verbände für würdig befunden wurden, in den Genuss von Subventionen für die Trainerausbildung zu kommen oder Bundeskurse besuchen zu dürfen. Heute sind es deren 80. Erst in den sechziger und siebziger Jahren haben Bundesräte, allen voran Nello Celio und Rudolf Gnägi, die Sportförderung immer wieder und mit Nachdruck als Staatsaufgabe bezeichnet. Sie stehe in ihrer Bedeutungnicht hinter sozialen Verpflichtungen, der Begabtenförderung, dem Gewässerschutz, dem Strassenbau und dem Schutz unseres Kultur- und Naturgutes zurück. Nun tritt Bundesrat Ogi also zurück. Auf den privaten Teil des Schweizer Sports wird sich das wohl eher auswirken als auf den öffentlichrechtlichen, dessen Aufgaben und Leistungen durch Gesetze und Verordnungen festgeschrieben sind. Ausserdem hat Ogi viel Neues initiiert.

Der Sportführung Beine machen

Brechen jetzt wieder die Zeiten an, von denen Ogi 1996 in Atlanta vor seiner Übernahme des VBS gesprochen hat: «Es genügt heute nicht mehr, wenn wir uns im Bundesrat in der Kaffeepause mit dem Spitzensport beschäftigen.» Das weiss man noch nicht. Es kommt darauf an, was mit dem neuen Sportkonzept geschieht und wer Ogis Departement übernimmt. Als Teilzeit-Sportminister war Ogi dank seinem Ansehen und seiner Glaubwürdigkeit ein Glücksfall für den Schweizer Sport. Und er hatte doppelte Wirkung: Einmal für den Sport ganz allgemein; dann hat er dem Sport und seinen Funktionären als väterlicher Freund und nicht gerade immer bequemer Mahner auch etwas Beine gemacht, sie in Trab gesetzt, herausgefordert, aber auch aufgemuntert. Dies obwohl der private Sport autonom und im Grundsatz vom staatlichen strikte getrennt ist.

Ende Oktober hat Ogi einer seiner letzten Sportreden bezeichnenderweise den Titel gegeben: «Ich bin ein Rüttler! Kein Meckerer. Und kein Einpeitscher.» In einer kritischen Analyse der Olympia-Resultate von Sydney hat er, indirekt, die in Sportverbänden verbreitete Schulterklopferei, Schönfärberei und Selbstzufriedenheit aufs Korn genommen. So ist beispielsweise in allen euphorischen Olympia-Bilanzen hoher Sportführer, aber auch in einer Studie, die der SOV in Auftrag gab, nie erwähnt worden, dass die Zahl der olympischen Disziplinen und damit die Zahl der Medaillen enorm zugenommen hat, allein seit 1980 um 50 Prozent, seit 40 Jahren sogar um mehr als 100 Prozent. 1960 waren es noch 438 Medaillen (146 Disziplinen), 1964 480, 1976 596, 1984 663 und 1996 813. In Sydney wurde nun in 300 Disziplinen um genau 900 Medaillen gekämpft.

Nun steht der Schweizer Sport in einigen Bereichen vor einer ungewissen Zukunft. Insgesamtfünf wichtige Verbände (SOV, Fussball, Ski, Turnen, Leichtathletik) beginnen das neue Jahrtausend mit neuen Präsidenten, von denen einzelne seit wenigen Monaten schon im Amte sind. Der Schweizerische Olympische Verband hat es vor einem Monat verpasst, die Ablösung des zurücktretenden Präsidenten gründlich vorzubereiten.Er hatte die Lage falsch beurteilt, Ogis Pläne unrealistisch eingeschätzt und fälschlicherweise gehofft, Ogi würde, falls er schon im Jahre 2000 zurücktrete, nach dem Amt des Bundespräsidentendirekt und mit Handkuss das eines SOV-Präsidenten übernehmen. So wurden am Wahltag in Bern nur gerade zwei Kandidaten im besten Falle mittleren Kalibers präsentiert. Schliesslich machte der überlegen das Rennen, der das Amt als AHV-Bezüger antreten wird. Auch im Fussballverband gibt es für die bevorstehende Wahl einenBewerber, der das 65. Altersjahr schon überschritten hat.

Gesucht Quereinsteiger

Im Schweizer Sport tut man sich schwer, über den eigenen Schatten zu springen. Es ist in vielen Verbänden, vor allem bedeutenden, fast ein ungeschriebenes Gesetz, dass Kameraden, die einmal Präsident werden möchten, sich in jahrelanger Tätigkeit Stufe um Stufe hochdienen müssen. Diese Mechanismen, oft auch in der Parteipolitik anzutreffen, schwemmen unablässig Mittelmässige und Altgediente, Brave und Treue an dieSpitze. Vielfach avancieren Funktionäre zu Präsidenten, welche nicht einmal Managerqualitäten haben. Dabei ist die Wirtschaft schon eine Stufe weiter. Sie sucht nicht mehr in erster Linie den Technokraten, sondern den Leader, der, charismatisch, in Neuland vorstösst. Aber Leadership ist im Sport noch nicht entdeckt worden.

Das bedeutet, dass man sich vorab in den wichtigen Sportverbänden ernsthaft darüber Gedanken machen müsste, ob nicht Quereinsteigern eine Chance gegeben werden sollte, wie das Swiss Ski immer wieder tut. Quereinsteiger im besten Alter und von einem gewissen Kaliber, die auch durchaus aus dem Sport kommen können und die durch ihre Persönlichkeit und ihr Charisma in der Lage wären, eine Art Aufbruchstimmung auszulösen. Als vor vier Jahren der SOV entstand, versuchte Daniel Plattner, damals Präsident desOlympischen Komitees, genau aus solchen Überlegungen heraus, Bernhard Russi für diese Aufgabe zu gewinnen. Gesucht und immer nötigerwerden innovative, freie, noch nicht abgestempelte, unvoreingenommene Chefs also, die neue Wege gehen und die ausgeleierten altgewohnten Trampelpfade verlassen.

Geschichtsklitterung

René Burkhalter, der Präsident des SOV, hat sich wenige Tage vor seinem Rücktritt als Sporthistoriker versucht. In einer Standortbestimmungvor Medienleuten hat er in einem schriftlich vorliegenden Papier von einem «Führungsdefizit imSchweizer Sport» gesprochen und die Lage dargestellt, «die ich 1992 angetroffen» habe. Er schreibt davon, dass die Rivalität zwischen SOK und dem Dachverband SLS «während sieben Jahrzehnten» die Entwicklung von Führung, die versagte, verhinderte: «Es regierte der faule Kompromiss. Im privatrechtlichen Sport hinterfragte niemand die Sportentwicklung, echte Reflexion kam auch in Ansätzen nie auf. Es gab drei Verhaltensmuster: Unverbindlichkeit, Durchwurstelnund devotes Kopfnicken zu dem, was Bund, Kanton und Gemeinde anboten.» Und das alles während - 70 Jahren?!

Wer diese Beurteilung liest und in den letzten fünfzig Jahren die Schweizer Dachorganisationen und ihre Führungsmannschaften kennen gelernt und begleitet hat, kann darüber nur den Kopf schütteln. SOK und SLS harmonierten gut zusammen, seitdem sie 1949 eine Vereinbarung unterschrieben, welche die Zuständigkeitsbereiche jedes Vertragspartners eindeutig regelte. Dieser Vertrag, sogar bis zuletzt Bestandteil der Statuten beider Verbände, hat bis zur Fusion vor vier Jahren exzellente Dienste geleistet. Er gab nie Anlass zu Missstimmigkeiten. Und von 1965 bis 1995 haben nicht etwa Präsidenten des SLL oder des SLS, sondern ausschliesslich die des SOK, wie etwa Raymond Gafner, Grundsatzreden gehalten und über die Entwicklung des Sports nachgedacht. Die Schweizer Sport-Dachorganisationenhaben bis heute ihre Geschichte nicht niedergeschrieben. Nur das kann erklären, weshalb solche Fehlbeurteilungen möglich sind. Sportler und ihre Führer interessieren sich für die historische Entwicklung und die Geschichte des Sports oder ihrer Sportart nicht. Sie machen lieber die gleichen Fehler ein zweites Mal.

Viele interessieren sich auch nicht für unerfreuliche Dinge. Etwa über Vorgänge im Doping. Ihr Motto: Kopf in den Sand stecken nicht darüber reden! Die NZZ hat Ende März ein erschütterndes Interview («Doping - ein kollektiver Wahnsinn») mit Sandro Donati, einem der führenden Antidoping-Spezialisten, veröffentlicht. Jeder, der es las, war schockiert. Ich habe wenige Tage später zwei Schweizer Sportführern, unabhängig voneinander, vom Interview erzählt und sie gefragt,ob sie es gelesen hätten. «Nein, noch nicht», antworteten sie etwas geniert und fügten fast entschuldigend bei: «Doping ist halt ein gesellschaftliches Problem.» Das wollte wohl meinen: Basta! Damit wähnten sie sich aus dem Schneider und wechselten sogleich das Thema.

Ogi geht - und leider besteht jetzt keine Garantie mehr, dass das Sportkonzept nicht ein unverbindliches Papier wird und vielleicht sogar in den Schubladen des Bundeshauses verstaubt. Es gibt in diesem Land eine Sozialpolitik, eine Gesellschaftspolitik, eine Umweltpolitik, eine Kulturpolitik und vielleicht sogar eine Jugendpolitik - nun muss es endlich auch eine Sportpolitik geben; denn «Sport ist nicht nur ein Mittel, sondern ein Bestandteil der Erziehung» (Bundesrat Ogi am 1. November 2000 im Nationalratssaal vor den Schweizer Medaillengewinnern von Sydney). Doch wenn der Gesamtbundesrat dem neuen Sportkonzept, auch wenn es defensiv und vorsichtig formuliert ist, mit Begeisterung zustimmt und es in Kraft setzt, kann es zu einem Meilenstein werden. Auch wenn der Sport im Bundeshaus jetzt seinen besten Fürsprecher und Promotor verlieren wird.

Walter Lutz war 1964-85 Chefredaktor des früheren Fachblatts «Sport», später während sechs Jahren dessen Herausgeber. Er begleitet seit dem letzten Weltkrieg den Schweizer Sport kritisch.

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