Tages-Anzeiger - Ticker


Schwimmen

16.10.2002

Ein Unermüdlicher, Tag für Tag



Als Hans Schmid siebenjährig war, wurde ihm ein Bein amputiert. Kurz darauf begann seine Sportkarriere. Nun geht es ums Comeback.

Von Daniela Kuhn

Doch, etwas wäre anders gewesen. Er hätte gerne Tennis gespielt, wäre gerne Fussballer geworden, der Vater war Platzwart. Und sonst? Was wäre anders verlaufen, wäre ihm im Alter von sieben Jahren nicht das rechte Bein amputiert worden? "Nicht viel", sagt Hans Schmid (64): "Das heisst: Die Absturzgefahr wäre höchstens grösser gewesen - mit Frauen."

Möglich also, dass er an der Schweizer Meisterschaft im Schwimmen ebenso gut oder sogar besser abgeschnitten hätte, möglich auch, dass er mit 24 ebenfalls in den Grossen Gemeinderat von Zug gewählt worden wäre, vielleicht wäre er auch während der fast 30 Jahren beim gleichen Konzern in die Geschäftsleitung aufgestiegen. Wer weiss. Und was die Frauen anbelangt, vielleicht hätte er mit 28 genauso geheiratet, zwei Buben gehabt, sich scheiden lassen und dann während 20 Jahren mit der Freundin zusammengelebt.

"Das kann ich auch"

Behinderte können nicht schwimmen, hatte man dem Jungen gesagt, nachdem man ihm auf Grund einer Knochenkrebsdiagnose das rechte Bein oberhalb des Knies amputieren musste. Während des halben Jahres, das der Erstklässler im Spital verbrachte, schaute die Lehrerin drei- bis viermal pro Woche vorbei. Vier Jahre später kam die Wende. Im Sportclub Frauenfeld sah er zufällig einen einbeinigen Mann Wasserball spielen. "Das kann ich auch", sagte er zum Vater. Innerhalb einer Woche lernte er crawlen, war der Schnellste an der Schule. Den ersten Wettkampf bestritt er mit 12, bereits vier Jahre später nahm er erstmals an den Schweizer Meisterschaften teil. Irgendwann nannte man ihn Schwimm-Schmid, obwohl er auch an Tischtennisturnieren mitspielte und später im Behindertensport mit Sitzball brillierte, einer Mischung aus Volley- und Faustball. Wie weit der sportliche Ehrgeiz Kompensation war, lässt sich nur erahnen. "Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Was immer ich mache, mache ich gut", sagt Schmid.

"Schon in meinen Aktivjahren von 1953 bis 1965, in denen ich regelmässig die Finals der Schweizerischen Schwimm-Meisterschaften erreichte, und das immer als Amputierter, wurde nie erwähnt, dass ich nur ein Bein habe. Warum eigentlich?", schrieb der Sportler diesen Sommer an den TA, nach der Berichterstattung über die Seeüberquerung in Zürich, die er mit 20-minütigem Vorsprung gewonnen hatte. Schmid war empört, dass nicht erwähnt worden war, dass er beinamputiert sei, seine Leistung daher noch grösser war. Für den Behindertensport sei es sehr wichtig, dass solches explizit erwähnt werde. "Ich schreibe Ihnen für die Zukunft, da man noch von mir hören wird, sofern mich die Energie fürs Training nicht verlässt."

Was Schmid damit meinte: Wenn er in wenigen Monaten pensioniert wird, geht es erst richtig los. Er sagt es rundheraus: Das Comeback steht bevor. Bis 80- oder 90-jährig, prophezeit er, werde er ein guter Schwimmer bleiben. Seit zwei Jahren trainiert er wieder, in letzter Zeit täglich über Mittag im Hallenbad Meilen. Nach der Pensionierung werden es zweimal vier Kilometer am Tag sein, vorerst sind es vier. Nachdem er im Sommer noch voller Selbstvertrauen verkündete, er setze sich absichtlich selber unter Druck, in dem er überall herumerzähle, was er im nächsten Jahr erreichen zu gedenke: "a) alle Masters-Schwimm-Schweizer-Rekorde im Crawl und Rücken der Kategorie 65 bis 69 Jahre brechen, und b) Werbung für den Behindertensport machen". Und was der Schwimm-Schmid einmal sagt, das gilt. Auch wenn es ihm zurzeit etwas "durzoge" geht. Flemming Poulsen, sein Privattrainer und Präsident des Limmat-Schwimmclubs, hat nämlich moniert, dass er bisher nur auf der rechten Seite geatmet habe. Links und rechts sehe auch eleganter aus, sagt sich Schmid, doch die Umgewöhnung macht ihm zu schaffen.

Selbst gewähltes klösterliches Leben

Dabei könnte er nach der Pensionierung zusammen mit den beiden Katzen seine riesige Terrasse über dem Zürichsee geniessen. Er könnte, wie in früheren Jahren, ganze Gesellschaften an den feudalen Esstisch laden, seine fünf Kochdiplome (unter anderem "Exklusive Fische und Meerfrüchte" bei Agnes Amberg, "Tessiner Küche", "Ristorante Stazione", Intragna) in die Praxis umsetzen und ab und zu eine im Weintemperier-Schrank gelagerte Flasche entkorken. Denn nur noch am Wochenende eine halbe Flasche Wein zu trinken, ist eigentlich nicht seine Art, so wenig wie das klösterliche Leben, das er führt. Um neun Uhr abends ins Bett, um halb sechs beginnt der Tag. Und nicht nur das. "Mit Hand und Fuss" wehre er sich "noch bis Ende 2003 gegen eine Beziehung", denn er ist überzeugt, eine solche würde ihn am Training hindern. Um sich dennoch zwischendurch etwas zu gönnen, geht er hie und da alleine in die Wirtschaft "Zum Wiesengrund" in Uetikon am See, bestellt ein 7-Gang-Menü, das dann etwas zügiger serviert werde, als wenn man zu zweit sei.

Denkt er während des Essens ans Schwimmen? Und woran denkt er beim Schwimmen? "An den Bewegungsablauf, an den Stil." Auch an der Seeüberquerung habe er bei jedem Zug gedacht: "Das können die anderen nie." BILD RENATE WERNLI Hans Schmid nach dem täglichen Training im Hallenbad Meilen.



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