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Olympiatrials: Australische Schwimmer im Brennpunkt

NZZ vom 12.5.00

Australische Olympiaselektion der Schwimmer an den Trials von Homebush Bay

Schwimmen ist in Australien sowohl beliebtester Freizeitsport, den Kinder bis Greise betreiben, als auch populärste Spitzensport-Disziplin im Gros aller olympischen Sportarten. So erstaunt es nicht, dass die australischen Schwimm-Trials, die von Samstag an während einer Woche in Sydneys Aquatic Centre in Homebush Bay zur Austragung gelangen, unter den vorolympischen Test- und Selektions-Events die grösste Beachtung finden und viele der Finals seit Monaten ausverkauft sind.

cos. Sydney, 11. Mai

Auf der übergrossen Werbetafel eines Olympia-Sponsors ist ein Gesicht abgebildet, lächelnd und mit herausforderndem Blick. Es ist das Antlitz von Samantha Riley, auf einem anderen Plakat lacht Ian Thorpe entgegen, ein drittes zeigt Susie O'Neil. Den vorbeieilenden Passanten sind diese Gesichter vertraut, bedürfen keiner weiteren Präsentation. Jedermann kennt sie, Australiens erfolgreiche Schwimmerinnen und Schwimmer, die Medaillengewinner an Titelkämpfen und die grössten Hoffnungsträger im Hinblick auf die Olympischen Spiele im eigenen Land. 20 der 60 vom nationalen olympischen Komitee vorgegebenen Medaillen sollen in Sydney im 50-m-Becken gewonnen werden, 6 goldene sind sozusagen ein Muss, 10 wären das Optimum.

Im Land, in dem das moderne Freistilschwimmen - der Australian crawl - erfunden wurde, in dem seit einem halben Jahrhundert Medaillengewinner und Weltrekordhalter quasi Massenware sind und einstige Stars wie Dawn Fraser oder Jon Konrad noch heute als Idole gefeiert werden, scheint dieses ehrgeizige Ziel realistisch. Seit Atlanta 1996 (2 Gold-, 4 Silber- und 6 Bronzemedaillen) ist die Förderung von Nachwuchs und Spitze noch weiter vorangetrieben worden. Ausserdem waren die Schwimmer der verschiedenen Elite-Sportinstitute die Hauptnutzniesser, als es in den letzten Jahren um die Aufteilung der staatlichen Gelder ging, die im Hinblick auf Sydney 2000 zusätzlich bewilligt worden waren (135 Millionen Dollar). Als zentrale Frage stellt sich somit nur, wer überhaupt im Olympiateam Aufnahme finden wird, zumal sich für die je zwei Startplätze pro Disziplin plus je zwölf Staffelplätze (Damen und Herren) ein Vielfaches an Kandidaten bewerben.

460 Teilnehmer - jeweils zwei Startplätze

Die Schwimm-Trials, die während acht Tagen im Olympic Park ausgetragen werden, sollen darüber Aufschluss geben. Für die 460 Athletinnen und Athleten (160 im Kader) entscheidet allein die Tagesform, zumal die Selektionäre weder auf frühere Weltrekorde, einstige Gewinne von Medaillen oder kürzlich erbrachte Spitzenzeiten Rücksicht nehmen. Die Trails allein zählen, und für Olympia qualifizieren sich nur die zwei Schnellsten der Finals, die via Vorläufe und Halbfinals erreicht werden müssen. Dieses Konzept dürfte sich zum Nachteil all jener entwickeln, die sich zurzeit nicht in Top-Verfassung befinden. Samantha Riley beispielsweise, Australiens erfolgreichste Brustschwimmerin der letzten Dekade (dreifache Olympiamedaillengewinnerin und Weltmeisterin), befand sich letzte Woche noch im Spital, nachdem sie an einer Virusinfektion der Leber erkrankt war.

Zur Begeisterung ihrer Landsleute, die über heroische Taten im Sport regelrecht in Verzückung geraten, stieg die 27jährige am Montag aber wieder in den Pool und nahm ihr Training auf. Über 100 m und besonders über 200 m Brust ist ihr neben der früheren Weltrekord-Schwimmerin Rebecca Brown allerdings auch noch neue Konkurrenz erwachsen: Die erst 14jährige Leisel Jones legte an den nationalen Altersklassen-Titelkämpfen im April in Perth die schnellste von einer Australierin erzielte 200-m-Zeit seit Rileys Bronzemedaillengewinn in Atlanta vor. Ist die junge Queenslanderin dem Druck der Trials gewachsen, könnte sie sich im September in Sydney als die «australische Sensation» ins Rampenlicht rücken, spekulieren die Fachleute.

Unerbittliche Selektion der Herren

Mit aufsehenerregenden Exploits durch australische Schwimmer wird in vier Monaten ohnehin gerechnet: Susie O'Neil etwa will über 200 m Delphin nicht nur den Olympiasieg von Atlanta wiederholen, sondern ihre Karriere mit dem Durchbrechen des 18 Jahre alten Weltrekordes der Amerikanerin Mary T. Meagher beenden. Die Hürde der Trials sollte für die derzeitige Nummer zwei der Welt problemlos zu nehmen sein. Die spannendsten und wohl auch hochstehendsten Rennen sind ohnehin bei den Männern mit jeweils drei bis fünf Anwärtern für die zwei Startplätze zu erwarten.

Über 200 m Crawl beispielsweise treffen Ian Thorpe und Grant Hackett - der derzeitige und der frühere Inhaber des Weltrekordes - sowie Weltmeister Michael Klim aufeinander. Thorpes Rekord (1:46,00) könnte im Zuge dieser Startplatz-Entscheidung ebenso unterboten werden wie seine 400-m-Bestzeit (3:41,83), zumal der erst 17jährige über diese Distanz von Hackett und Kieren Perkins (früherer 400-m-Weltrekordhalter) herausgefordert wird.

Der bereits 27jährige Perkins, der auf Australiens Traditions-Distanz (1500 m) den dritten Olympiasieg in Folge anstrebt, erhält in seiner Paradedisziplin durch Craig Stevens, Hackett und allenfalls Thorpe Konkurrenz. Der «junge Australier des Jahres», der von den australischen Buchmachern für das olympische 200-m-Rennen bereits heute hoch favorisiert wird, will an den Trials dann die lange Distanz in Angriff nehmen, falls er vorgängig über 100 m die Qualifikation verpassen sollte.



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