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Neue Zürcher Zeitung Nr. 271 vom 21.11.98
kla. Wenn in den letzten Monaten sehr zurückhaltend oder gar nicht über den Schweizer Schwimmsport berichtet wurde, so lag dies nicht am Klima. Meist bestand schlicht kein Anlass dazu. Weshalb also ausgerechnet dann, wenn sich die Meteorologen um einen Kälterekord in unserem Land streiten und die Skiutensilien präpariert werden? Weshalb ausgerechnet vor der Delegiertenversammlung des Verbandes im Gwatt-Zentrum bei Spiez - in den vergangenen Jahren jeweils eine fruchtlose Alibiübung mit lauten Rednern im Vorfeld und Schweigen während der Tagungen? Wo nicht wahr sein durfte, was wahr ist? Die Antwort ist kurz: Weil das Flaggschiff am Sonntag mit einigen neuen Besatzungsmitgliedern die trüben Gewässer endlich zu verlassen scheint. Havariert, sei gleich vorweggenommen.
Nach zehn Jahren tritt Hans Ulrich Schweizer als Zentralpräsidenten zurück, nicht etwa von langer Hand vorbereitet, sondern kurzfristig. Er will den Stab an den Vizepräsidenten und Architekten Sisto Salera abgeben, bis Frühjahr 1998 Vorsitzender der Technischen Kommission Synchronschwimmen des europäischen Verbandes (LEN) und wie Schweizer seit "Urzeiten" dabei. Vorausgesetzt, es drängt sich am Thunersee nicht im letzten Moment noch ein Gegenkandidat auf. Denn Salera, der manchmal mit dem Kopf durch die Wand will, gilt nicht als Wunschkandidat der Delegierten oder seines Vorgängers. Er soll primär als Feuerwehrmann versuchen, die Führungsstrukturen zu renovieren und die Kompetenzen neu zu verteilen. So weit, so gut. Denn Salera, der sein Konzept erst vor einem Monat einer Arbeitsgruppe vorlegte und bei dieser Gelegenheit von Schweizer als Nachfolger vorgeschlagen wurde, will in spätestens vier Jahren einem jungen, bis dahin gereiften Mann die Verantwortung übergeben. Er gilt entsprechend als Zwischenlösung mehr nicht. Vielleicht kann sich bis dann beispielsweise Laurent Ballif, der in Vevey und in der gesamten Romandie sehr gute Arbeit leistet und für viele als idealer Mann für diesen Vorsitz gilt, mit einer solchen (undankbaren) Aufgabe anfreunden.
In diesem Zusammenhang kann Schweizer der Vorwurf nicht erspart werden, während seiner Amtszeit den Aufbau eines Kronprinzen verschlafen zu haben - so, wie vieles im Verband. Der Berner schien während Jahren zufrieden, wenn die Tagesgeschäfte erledigt wurden; Innovatives war von seiner Seite selten zu erwarten. Und Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit blieb ihm fremd. Medien schienen ihm ein Feindbild. Er trug die Verantwortung für einen im Prinzip führungslosen Verband, der nicht wusste, wohin er sollte. Kraftakte vermied er, griff nie zur Peitsche - und entsprechend harzig lief das Räderwerk. Ideen wurden mit dem Verweis auf fehlende Finanzen abgeblockt, Sponsoren aus der Privatwirtschaft waren jedoch kein Thema, und zwar mit der Begründung, der Verband würde sich damit in eine Abhängigkeit zu begeben.
Der Mann der kleinen (Rück-)Schritte hinterlässt zwar keinen Scherbenhaufen, auch wenn die Lizenzen auf Grund der prekären Finanzlage (bedingt auch durch die Rückstufung des SOV auf die Stufe 2) am Sonntag von 55 gleich auf 80 Franken erhöht werden sollen. Doch der Eklat in der vergangenen Woche unterstreicht die gegenwärtige Misere. Die Technische Direktorin und die Geschäftsleitung der Kommission Gesundheit, Fitness, Freizeitsport (GFF) des Verbands traten auf Grund des fehlenden Rückhalts im Zentralvorstand sowie wegen Tratsch und Intrigen auf der Geschäftsstelle in globo zurück. Immerhin war diese Gruppe (früher Schwimmen für alle) für den kommerziellen Teil des Schwimmverbands zuständig. Seit 1988 war sie damit beschäftigt, Strukturen zu erarbeiten und umzusetzen, auf denen schliesslich ab heute Geldquellen sprudeln würden. Die Rücktritte passen als Mosaiksteine zum farblosen Gesamtbild.
Denn auch die Technische Drektorin, Nadine Gilg, zieht sich nach zwei Jahren mangels Unterstützung aus dem Verband zurück. Sie nennt als Beispiel ihre Bemühungen den Versuch, alle Mitglieder der Geschäftsleitung gleichzeitig an einen Tisch zu bekommen - in 24 Monaten gelang dies einmal. Sie beklagt, dass ihr die Vereine bei der Realisierung und Initialisierung neuer Ideen nicht geholfen und im Kampf gegen alte Vorurteile beigestanden haben. In einem scheinbar selbstzufriedenen Zentralvorstand, zusammengesetzt aus Staatsangestellten und Salera als einzigem Mitglied aus der Privatwirtschaft. Vielleicht ist das die Crux im Verband: es fehlt ein Manager mit dem nötigen Know-how, und für einen vollamtlichen, dringend benötigten Geschäftsführer reicht das Geld nicht.
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Der Stapellauf des neuen Schwimmverbands-Schiffs - mit Salera und Ralph Schallon als TD - ist vorerst ohne Champagner zu begleiten. Der Aufwärtstrend im sportlichen Bereich, besonders im Wasserspringen und Schwimmen, wird zwar in naher Zukunft von "administrativen" Belangen ablenken. Auch das mit 1,5 Millionen Franken (!!) budgetierte Grossprojekt der Synchronschwimmerinnen im Hinblick auf Sydney tut dies; mindestens neun Mädchen wollen für ihr Hobby während anderthalb Jahren Schule und Beruf den Rücken kehren. Wie weit aber die neuen Pläne mit "interimstischen" Führungsspitze zu realisieren sind, hängt wohl auch davon ab, wie strak die Eigeninitiative junger Leute gefördert wird.
Aber auch davon, ob endlich gemeinsam Konzepte angepackt werden, in den fünf Fachsparten eine Zentrierung gleichgelagerter Probleme (Buchhaltung, technische Handhabung usw.) vorangetrieben wird und sich Saleras Ideen von strategischen Arbeitsgruppen auf dem Tisch des Zentralvorstands auch umsetzen lassen. Vielleicht ist aber auch das Instrument "Verband", analog zur Leichtathletik, in dieser Form in absehbarer Zeit gar nicht mehr nötig, zumal der Schwimmbereich mit vier Leistungszentren (nach wie vor ohne Nationaltrainer) heute zu 99 Prozent von den zunehmend professionell geführten Vereinen abgedeckt wird - mit dem schlummernden Verband als grossem Nutzniesser.
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