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Neue Zürcher Zeitung vom 15.12.98
Als vor zwei Jahren die Schweizer Delegation von den Kurzbahn-EM aus Rostock heimkehrte, traute man den Erfolgen und damit auch den eigenen Leistungen nicht so ganz. Drei Bronzemedaillen durch Andermatt, Strasser und die Damenstaffel sowie eine Silbermedaille dank Rigamonti lagen im Gepäck. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass damals die Kurzbahn-Meisterschaften in den diversen nationalen Schwimmverbänden noch auf eher wenig Gegenliebe trafen. Der Trend, im Winter auf der kurzen 25-m-Bahn und im Sommer im langen 50-m-Becken zu schwimmen, nahm inzwischen aber deutlich zu.
Die Skepsis der Landesverbände gegenüber der 25-m-Bahn änderte sich besonders an den Weltmeisterschaften in Göteborg 1997, als zwar die Schwimmelite noch nicht geschlossen am Start stand, zumal der Titelkampf in das "Pausenjahr" nach den Olympischen Spielen fiel, die Leistungen aber zu zahlreichen Rekorden reichten. Die EM am vergangenen Wochenende in England wiesen nun allerdings nahezu ein komplettes Teilnehmerfeld auf, mit wenigen Absenzen (Alexander Popow, Frederic Deburghegraev). Zudem wurde an den drei Wettkampftagen ein beachtliches Leistungsniveau erreicht.
Der Direktor des Schweizer Nationalteams, Flavio Bomio, stuft die Kurzbahn-EM primär als Testwettkampf auf hohem Niveau ein. Er geniesst für diese Prüfungen in der Selektion der Athleten freie Hand, das heisst, er ist dem Schweizerischen Olympischen Verband (SOV) keine Rechenschaft über das Aufgebot schuldig. So war Rostock vor zwei Jahren der Beginn der neueren Erfolgsgeschichte des Schweizerischen Schwimmverbandes. Gerade diese Startgelegenheit im europäischen Umfeld, ohne die komplette europäische Elite, liess 1996 eine Eigendynamik und das notwendige Selbstvertrauen entstehen. Somit war von vornherein auch klar, dass die Schweizer in Sheffield nicht gleich viele Medaillen vorzeigen würden. Dafür gewann allerdings am Freitag abend Flavia Rigamonti als erste Schwimmerin in der Schweizer Verbandsgeschichte einen europäischen Titel; eine Motivationsspritze für das gesamte Team im Hinblick auf weitere Aufgaben. Die vielen persönlichen Bestzeiten sowie die zwölf Schweizer Rekorde unterstreichen, dass zwar die Leistung Rigamontis aussergewöhnlich ist, daneben sich aber die aktuelle Landesspitze durchaus in diesem Umfeld zu behaupten und die Leistungen von Rostock zu bestätigen bzw. zu verbessern wusste. Offen bleibt die Frage, weshalb ein Exploit immer dann nicht stattfand, wenn es auf der 50-m-Bahn zu schwimmen galt. Die Erwartungen wurden 1997 in Sevilla nicht erfüllt, und es bleibt die Befürchtung bestehen, dass es in Istanbul wieder nicht der Fall sein wird.
Die europäische Elite zeigte sich im Hinblick auf die in weniger als zwei Jahren stattfindenden Olympischen Spiele fast durchwegs auf dem richtigen Weg. Es kam auch zum Ausdruck, dass sich gewisse Tendenzen in der Technik weiter durchsetzen. So gewann der Brite Mark Foster mit Weltrekord über 50 m Crawl überlegen dank seiner ausgefeilten Koordination zwischen dem gleitenden Arm und dem im Wasser ziehenden Arm, kombiniert mit einer ausgewogenen Körperhaltung im Wasser; eine Technik, die noch in der damaligen UdSSR entwickelt und mit den Erfolgen von Alexander Popow bekannt wurde.
Als problematisch erwiesen sich dagegen die Auswirkungen eines seit längerer Zeit uneffizienten Schiedsrichterwesens. Gerade auf der kurzen Bahn, mit doppelter Anzahl an Wenden und der damit verbundenen Limitierung der Tauchstrecke, wurden die Schwächen dieser Veranstaltung aufgedeckt. So wäre der Europameister über 200 m Brust, Whitehead, an normalen Landesmeisterschaften wegen Delphin-Beinschlags vor der Wende disqualifiziert worden - in Sheffield blickte die Jury grosszügig darüber hinweg. Auch Sandra Völker, Europameisterin über 50 m Rükken, wäre in einer regulären Veranstaltung wegen zu langen Tauchens nach dem Start vermutlich disqualifiziert worden. Der Grund der laienhaft anmutenden Schiedsrichter-Regelung liegt darin, dass der organisierende Verband - hier die LEN - die Besetzung der Kampfrichter-Positionen als Ehrenbezeugung gegenüber den eigenen Funktionären versteht. Die von den Landesverbänden selektionierten Schiedsrichter werden am Wettkampf selber nur als Kampfrichter ohne Entscheidungsbefugnisse eingesetzt. Selbst die klarsten Regelverstösse wurden in Sheffield nicht geahndetn obwohl sie von den Kampfrichtern bemerkt und gemeldet wurden.
Von Rainer Gilg
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